24. Januar 2020

Fünf Fragen an ... Frank Diegel

Das Bremer Softwareunternehmen Trenz GmbH hat sich auf den maritimen Sektor spezialisiert und versteht sich dort als eine Art digitaler Geburtshelfer. Eine wichtige Zielgruppe sind die Lotsen, denen Trenz digitale Tools für ihre anspruchsvolle und gefährliche Arbeit zur Verfügung stellt.

MCN: Herr Diegel, wie digital ist die Schifffahrt aus Ihrer Sicht heute?

Diegel: Die Schifffahrt ist eine der ältesten Branchen, und sie ist auch eine der konservativsten. Dementsprechend gibt es bei der Digitalisierung noch einen hohen Nachholbedarf. Die Branche steht hier noch sehr am Anfang. Sie hat natürlich auch durch die Schifffahrtskrise ab 2008 enorm gelitten, und es fehlt vielfach immer noch das Geld für eigentlich notwendige Investitionen. Viele Unternehmen besitzen aber auch ganz einfach nicht das notwendige Know-how. Da kommen wir dann ins Spiel.

MCN: Viele Unternehmen digitalisieren im ersten Schritt ihre Geschäftsprozesse. Trenz schaut sich auch das operative Geschäft an. Eine wichtige Kundengruppe sind die Lotsen. Welche Produkte haben Sie für diese entwickelt?

Diegel: Wir betreuen mittlerweile alle rund 900 deutschen See- und Hafenlotsen. Für diese Gruppe haben wir über sieben Jahre eine Software entwickelt, den Pilot Information Assistent (PIA). Darüber hinaus haben wir mit Marine-Pilots.com ein internationales Lotsenportal gestartet. Dort finden sie alle Informationen für und über Lotsen. Wir haben dafür allein mehr als 500 Organisationen in 110 Ländern recherchiert. Unser Ziel ist es, die internationale Lotsen-Community Länder- und Kontinente-übergreifend zusammenzubringen. Nach drei Monaten hatten wir schon 100.000 Seitenaufrufe. Das ist wirklich eine Erfolgsstory.

MCN: Was leistet der Pilot Information Assistent?

Diegel: Er ist ein Softwaresystem, das dem einzelnen Lotsen aus allen Kanälen sämtliche Informationen, die dieser für seine Lotsung braucht, digital gebündelt zur Verfügung stellt. Dazu gehört beispielsweise eine umfangreiche Schiffsdatenbank. Der Lotse weiß mit ihrer Hilfe genau, was für ein Schiff ihn erwartet. Er bekommt vom PIA Wetter- und Tideninformationen. Er erfährt von Sperrungen oder ob aktuell vielleicht ein Bagger in der Fahrrinne liegt. Ebenso liegen hier alle offiziellen Dokumente digital vor, die er für seine Arbeit benötigt. Er bekommt mit dem PIA auch einen elektronischen Lotszettel, mit dem er dann seine Leistung direkt abrechnen kann. Der Kapitän kann darauf digital unterschreiben, und dann kann der Lotse seine Rechnung per Internet weiterleiten. Das ist schnell und praktisch und spart eine Menge Papierkram.

MCN: Welchen Nutzen verspricht ihr internationales Lotsenportal?

Diegel: Marine-Pilots.com bringt die einzelnen Lotsen zusammen, vernetzt sie und ermöglicht ihnen den persönlichen Austausch über alle Ländergrenzen hinaus. Das gab es vorher so nicht. Die Lotsen tauschen sich bei uns beispielsweise persönlich über Unfälle aus. Dieser Wissenstransfer ist sehr wichtig, denn der Lotse übt ja einen durchaus risikoreichen Beruf aus. 2019 sind nach unseren Informationen einige Lotsen weltweit tödlich verunglückt. Zuletzt hat es Ende 2019 einen amerikanischen Lotsen getroffen. Auf den einschlägigen internationalen Webseiten las man dazu wenig bis gar nichts. Wir haben das dann ein bisschen detaillierter aufgearbeitet. Da haben sich innerhalb von zwei Tagen mehr als 10.000 Leute für interessiert. Wir sorgen da also wirklich für einen intensiven Informationsaustausch der einzelnen Lotsen weltweit untereinander. Das funktioniert nur digital. Per Telefon, Fax oder PDF ist ein solcher Prozess einfach nicht möglich.

MCN: Aber was kann der Lotse mit ihren digitalen Tools anfangen, wenn er beispielsweise draußen in der Deutschen Bucht gar kein Funknetz hat?

Diegel: Der Pilot Information Assistent speichert sehr viele Daten auch offline, so dass der Lotse ihn auch ohne Empfang nutzen kann. Sobald er wieder eine Funkverbindung hat, werden seine Daten dann automatisch synchronisiert. Die Funkabdeckung ist in Deutschland allerdings wirklich ein Problem. Die ist an Land schon alles andere als optimal, und auf dem Wasser ist sie noch schlechter – wahrscheinlich, weil da so wenige unterwegs sind, dass es sich nicht lohnt, zu investieren. Aber für die Lotsen ist es natürlich im Extremfall überlebenswichtig, dass sie von jedem Ort aus kommunizieren können, und zwar auch per Handy. Gerade in kritischen Situationen oder bei Unfällen. Und wir sollten nicht übersehen: Ohne Lotsen käme der Seeverkehr, über den rund 90 Prozent der weltweiten Warenströme abgewickelt werden, zum Erliegen. Da würde dann kein einziges großes Schiff mehr an- oder ablegen.

Die Bundeslotsenkammer hat das Thema erkannt und ist sehr aktiv, aber sie findet zu wenig Gehör und Unterstützung in Politik und Wirtschaft. Das liegt auch daran, dass die Lotsen und ihre wichtige Arbeit aus meiner Sicht eine zu geringe Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit haben. Vielleicht könnte das ja mal ein Thema für das Maritime Cluster Norddeutschland sein. Den Austausch mit anderen Entscheidungsträgern und Geschäftsführern aus der Branche auf den Veranstaltungen des Clusters empfinde ich jedenfalls immer als sehr informativ und fruchtbar. Das persönliche Gespräch ist eben durch nichts zu ersetzen – nicht einmal durch die Digitalisierung.

 

Über Frank Diegel

Der Bremer Frank Diegel (52) ist Geschäftsführer der Trenz GmbH mit Sitz in Bremen. Sein erstes Unternehmen gründete Diegel schon während seines Studiums, das er wegen des raschen geschäftlichen Erfolgs aus Zeitmangel aufgeben musste. Zur Trenz AG kam der zweifache Familienvater 2007, zunächst als angestellter Geschäftsführer. Das Unternehmen firmierte 2018 zur Trenz GmbH um, Frank Diegel ist dort seit dem 1. Januar 2019 alleiniger geschäftsführender Gesellschafter. Heute macht das Softwareunternehmen mehr als 80 Prozent seines Umsatzes im maritimen Sektor.

www.trenz.ag