Für den Blick unter Wasser gut gerüstet

Mit der veränderten Sicherheitslage in Europa ist das Interesse am Geschehen unter der Oberfläche von Nord- und Ostsee rasant gewachsen. Über Sicherheitsfragen hinaus ist Unterwasserkommunikation auch für Wissenschaft und Technik essenziell. Seit 2010 fördert das MCN Innovationstätigkeit in dem gesamten Themenspektrum.
Erst explodierte die Nordstream-Gasleitung. Dann rissen mutmaßlich russische Schiffe mit ihrem Anker wichtige Datenverbindungen aus dem Meeresgrund der Ostsee. „Beides hat schlaglichtartig die Bedeutung der Sicherheit in Nord- und Ostsee gezeigt“, sagt Oliver Malmström. Nach seiner Überzeugung spielt das Wissen um das Geschehen unter Wasser dabei eine besondere Rolle: „Wir können unsere kritische Infrastruktur nur schützen, wenn wir sie gut im Blick haben.“ Als Leiter der MCN-Geschäftsstelle Mecklenburg-Vorpommern koordiniert der 41-Jährige gemeinsam mit dem Kollegen Peter Moller aus Schleswig-Holstein die MCN-Fachgruppe „Unterwasserkommunikation“: „Wir sind fachlich gut aufgestellt, thematisieren aktuelle Herausforderungen und verfolgen Möglichkeiten, wie diese gelöst werden können“, betont Malmström und bezieht das sowohl auf die Fachgruppe an sich als auch auf die tägliche Arbeit der darin vertretenen Unternehmen.
Jahrzehntelang richteten die NATO-Staaten ein besonderes Augenmerk auf ihre Nordflanke vom Nordatlantik bis ins Baltikum. Doch mit der deutschen Einheit und dem scheinbaren Ende des Ost-West-Konflikts verlagerte sich das verteidigungspolitische Interesse mehr in Richtung Mittlerer Osten. Dass sich das Maritime Cluster Norddeutschland diesem Trend zum Trotz bereits seit 2014 mit Technologien für den Einsatz unter Wasser beschäftigt, ist Dr. Ivor Nissen zu verdanken. Das MCN-Gründungsmitglied gilt als einer der führenden Fachleute für Fragen der Unterwasserkommunikation.
Unter Wasser zu kommunizieren, ist im Grundsatz eine erprobte Fähigkeit. Übertragungswege per Funk, Kabel, Optik und Akustik werden seit Jahrzehnten genutzt. Doch was an Land vergleichsweise einfach und gut funktioniert, stellt unter Wasser eine erhebliche Herausforderung dar. Insbesondere optische Systeme und der Einsatz von Funkwellen und Funk funktionieren unter Wasser in der Regel nur wenige dutzend Meter.

„Heute steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie ich Informationen gegen Störungen, Missbrauch und Abhören schützen kann.“
Als Nissen vor 16 Jahren die bis heute von ihm geleitete Fachgruppe Unterwasserkommunikation initiierte, ging es vor allem um technische Aspekte der Informationsübertragung unter der Meeresoberfläche, aber auch um andere Themen in der Meereswissenschaft. Zu den Themen gehörte beispielsweise der Aufbau von drahtlosen Datenverbindungen nach dem Vorbild des WLAN über Wasser. „Heute steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie ich die Informationen gegen Störungen oder einen Missbrauch bzw. gegen Abhören von außen schützen kann“, erläutert Oliver Malmström.
Vor allem aber geht es darum, neben der Situation über Wasser auch das Geschehen unter der Oberfläche genau im Blick zu behalten. Zu einem vollständigen maritimen Lagebild gehören nicht nur AIS-Schiffsinformationen und Radarbilder, sondern zunehmend auch Daten, welche unter Wasser generiert werden. Das Senden und Empfangen solcher Informationen bringt eine Reihe von Herausforderungen von der Reichweite bis zur Verschlüsselung von Daten mit sich.
Angesichts der wachsenden Zahl von Windparks und der Vielzahl von Strom- und Datenkabeln auf dem Meeresboden gehören Nord- und Ostsee zu den empfindlichsten Bereichen innerhalb der kritischen Infrastruktur. Dass die Bedeutung des Themas erkannt worden ist, spiegelt sich auch in der Entwicklung der Industrie und in der Zusammensetzung der Fachgruppe wider. „Es gibt natürlich namhafte Unternehmen wie TKMS ATLAS ELEKTRONIK, Elac Sonar, Develogic und andere“, berichtet Malmström, „aber daneben hat sich eine breite Szene von kleinen Firmen und Start-ups entwickelt, die immer wieder hochkarätige Technologien präsentieren.“
Vernetzung über Länder und Fachgruppen hinweg
Eine der wichtigsten Aufgabe der Fachgruppe sieht Malmström darin, eine Plattform für die Unternehmen zu sein, den Austausch zu pflegen und Anstöße zu innovativen Ideen und Entwicklungen zu geben. Die Fachgruppe verknüpft aber nicht nur Unternehmen und Institutionen aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern miteinander, sondern aus ganz Norddeutschland. Malmström betreut auch zusammen mit der MCN-Geschäftsstelle in Bremen die Fachgruppe „Maritime Sicherheit“. „Wir beschäftigen uns aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit demselben Thema“, betont er: „Der Schutz der maritimen kritischen Infrastruktur ist ohne funktionierende Kommunikation undenkbar.“
Oliver Malmström leitet die MCN-Geschäftsstelle in Rostock seit Januar 2025, gehört dem dortigen Team schon seit 2019 an. Im Schatten der veränderten Sicherheitslage hat er dabei eine insbesondere für Mecklenburg-Vorpommern wichtige Entwicklung beobachtet: „Der Marine-Schiffbau hat der Werftindustrie hier im Bundesland neue Perspektiven gegeben.“ Das vorhandene Know-how in Unterwassertechnologien ist nach seiner Überzeugung die genau passende Ergänzung dazu.