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06. November 2019

Schifffahrt in der Polarregion: Sicherheit an Bord

Die Schifffahrt in der Polarregion nimmt zu und mit ihr der Bedarf an Unterstützungsleistungen. Die Fachgruppe Maritime Sicherheit des Maritimen Clusters Norddeutschland (MCN) hat dies zum Anlass genommen, sich dem Themenfeld „Schifffahrt in der Polarregion“ in diesem Jahr intensiv zu widmen. Bei einer Auftaktveranstaltung im Juni 2019 wurden unter dem Titel „Sicherer Fahrweg“ die nautischen Herausforderungen und Erfahrungen mit Eisfahrten bei widrigsten Wetterbedingungen und kaum vorhandener Kommunikationsinfrastruktur thematisiert sowie Anforderungen an die Schifffahrt beleuchtet, die sich aus dem Polar Code ergeben. Ergänzt wurde das Programm durch eine zweite Veranstaltung mit dem Thema „Sicherheit an Bord“, die im September 2019 in der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) stattfand. Sie widmete sich den Problematiken bei der Evakuierung, Lösungsansätzen hierfür sowie den besonderen Anforderungen an Rettungsmittel und -boote.

Gastgeber Nils Reimer, Abteilungsleiter Arctic Technology der HSVA, ging auf die Sicherheit von Schiffen mit mittlerer Eisklasse ein und beschrieb Unterschiede zwischen den verschiedenen Eistrukturen und Schiffstypen und deren Eisklassen. Darüber hinaus nahm er die Entwicklung des Eisvorkommen in Polargebieten unter die Lupe und thematisierte die Abgeschiedenheit in der Nord-Ost und Nord-West Passage sowie die Dauer bis zum Eintreffen eines Rettungsbootes. Im späteren Verlauf der Veranstaltung nahm Reimer die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit in den Eiskanal, um bei 4 Grad zu veranschaulichen, wie die HSVA Praxistests durchführt und welche technischen Hilfsmittel zum Einsatz kommen, um beispielsweise das Verhalten von konventionellen Schiffsformen und deren Eisbruchfähigkeiten zu untersuchen.

Direkt aus der Praxis kam der Vortrag von Dr. Michaela Mayer, die seit Jahrzehnten mehrere Monate im Jahr als Expeditionsleiterin an Bord von Kreuzfahrtschiffen in Arktis und Antarktis verbringt. Sie beschrieb Gefahren, insbesondere durch plötzlich auftretende Stürme, die eine Fahrt im Zodiac plötzlich alles andere als romantisch werden lässt und zur Bedrohung für die Passagiere und die Expeditionsleitung wird. Ebenso berichtete sie von Unfällen, die vor Ort passierten und welche Schwierigkeiten es in der medizinischen Versorgung gab, da das nächste Krankenhaus aufgrund der Abgeschiedenheit erst mehrere Tage später erreicht werden konnte. Konkrete Lösungsvorschläge und Rettungskonzepte, die genau an die Erfahrungen von Dr. Mayer anknüpften, wurden von Klaus Graf vorgestellt, der neben der Ausstattung des Krankenzimmers auch auf Möglichkeiten in der Telemedizin, Einbindungen von Krankenhäusern und Doppelfunktionen von Helikoptern zum touristischen Transport aber auch zum Krankentransport aufmerksam machte.

Prof. Dr. Eberhard Sauter vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und Steffen Spielke von der Reederei Laeisz sprachen über den Transfer zwischen Theorie und Praxis am Beispiel des Forschungsschiffs Polarstern. Sie ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den bisher gewonnenen Erkenntnissen aus den Polarexpeditionen und der Forschungsstation im Eis teilhaben. So wurde unter anderem beschrieben, wie das Überlebenstraining im Eis ablief, das im Mai 2019 im „Eisbärengebiet“ über 64 Stunden stattgefunden hat. Die Navigation ohne GPS und Seekarten war ebenfalls Gegenstand des Vortrags. Dem Auditorium wurde erläutert, welche besonderen Voraussetzungen ein fürs Eis konzipiertes Schiff über die Mindestvoraussetzungen des Polar Codes erfüllen muss, um Sicherheit für Schiff, Crew und Passagiere zu gewährleisten. Im Ergebnis konnte das Ökosystem der Polarregionen als sensibler Gradmesser für den globalen Klimawandel sichtbar gemacht werden.

Christian Schacht stellte das VIKING Life-saving Equipment vor, welches explizit für die arktischen und antarktischen Regionen entwickelt wurde. So stellte sich beispielsweise ganz praxisnah die Frage, ob der surviaval suit mit oder ohne integrierte Handschuhe sinnvoller ist. In polaren Regionen plädierte Herr Schacht auf separate Handschuhe, die am Anzug befestigt werden können, sodass im Zweifel die Hände benutzt werden können, ohne bei -20 Grad halb aus dem Überlebensanzug wieder herauszukriechen.

Dr. Hannes Hatecke ging auf die besonderen Voraussetzungen für ein in Polargebieten zum Einsatz kommendes Rettungsboot ein. Er veranschaulichte das Leben auf allerengstem Raum und beschrieb, wie man im Sitzen schläft, quasi ohne Privatsphäre auskommt und wie Wasser und Nahrungsmittel für den Ernstfall kalkuliert sind. Denn auch hier gilt, je abgelegener die Region, desto länger kann es dauern, bis die Passagiere des Rettungsbootes von einem anderen Schiff aufgenommen werden. Sowohl beim Equipment als auch bei den Rettungsbooten gilt es, einen Spagat zwischen Gewicht, Effizienz und Wohlbefinden zu schaffen.