22. April 2022

Fünf Fragen an ... Tobias Twesten

Tobias Twesten, Werum Software & Systems AG

© Werum Software & Systems AG

Das Lüneburger Softwareunternehmen Werum Software & Systems AG wurde vor gut 50 Jahren von Wulf Werum, einem ehemaligen Mitarbeiter des Computerpioniers Konrad Zuse, gegründet. Die maßgeschneiderten Softwarelösungen und IT-Systeme kommen heute auch an Bord von Forschungsschiffen und Polarflugzeugen zum Einsatz. Worauf es dabei besonders ankommt, erläutert Werum-Consultant Tobias Twesten.

 

MCN: Herr Twesten, was verbindet den Lüneburger Softwarehersteller Werum mit dem Meer und der maritimen Branche?

Twesten: Werum entwickelt anspruchsvolle Softwarelösungen für einen weltweiten, sehr heterogenen Kundenkreis. Wir sind heute beispielsweise für den Automotive-Bereich, für die Luft- und Raumfahrt, die öffentliche Verwaltung und für wissenschaftliche Einrichtungen tätig. Letzteres ist auch unser Anknüpfungspunkt an die maritime Branche: Unsere Daten-Management-Systeme „DSHIP“ und „DMS“ laufen auf vielen deutschen und internationalen Forschungsschiffen, aber auch in der deutschen Neumayer-Station III in der Antarktis und in den Polarforschungsflugzeugen P5 und P6 des Alfred-Wegener-Instituts.

Außerdem hat Werum beim Alfred-Wegener-Institut eine Big-Data Infrastruktur aufgebaut, die systemübergreifende Datenanalysen über unterschiedlichste Daten ermöglicht und somit ein wichtiges Werkzeug für die wissenschaftliche Forschung darstellt. Aber auch unsere Lösungen zur Digitalisierung des Test- und Entwicklungsprozesses sind sicherlich für viele Firmen der maritimen Branche interessant.

MCN: Was leistet Ihre Software im Forschungseinsatz?

Twesten: Unsere DSHIP-Plattform für den maritimen Bereich dient dazu, Daten zu erfassen, sichtbar zu machen, zu archivieren. Forscher können während der gesamten Reise das von ihnen eingesetzte Equipment, die angefahrenen Wegpunkte und die an diesen Wegpunkten durchgeführten Tätigkeiten verwalten. Anschließend können die Datensätze auf Landsysteme übertragen werden. Dort werden die Daten archiviert und stehen zukünftig online zum Abruf zur Verfügung.

MCN: Welchen besonderen Ansprüchen muss Software in der Meeresforschung gerecht werden?

Twesten: Unter den Bedingungen auf See in abgelegenen Regionen sind die Anforderungen an Software speziell. Salzwasser und hohe Luftfeuchtigkeit gehören nicht dazu, die setzen eher der Hardware zu. Auf Forschungsfahrten ist in erster Linie eine sehr hohe Datensicherheit erforderlich, denn Experimente und Messungen sind oft sehr aufwendig und teuer und können, sollten die Daten verloren gehen, nur mit großem Aufwand oder gar nicht wiederholt werden. Angesichts des hohen Aufwands und der Relevanz der Forschung ist zudem auch die Datenqualität von entscheidender Bedeutung.

Wir legen außerdem viel Wert auf die Benutzerfreundlichkeit unserer Software. Sie muss leicht zu bedienen und zu warten sein. Wir bieten daher Schulungen an, die die Forscher und Administratoren in die Lage versetzen, möglichst ohne Hilfe von außen auszukommen. Ein schönes Beispiel ist die MOSAiC-Expedition, in deren Rahmen sich das Forschungsschiff Polarstern 2019/20 in der Arktis einfrieren ließ. Ins polare Packeis hätte man einen Werum-Techniker kaum schicken können. Dem tragen wir mit unserem Konzept Rechnung.

MCN: Der maritimen Branche sagt man einen gewissen Nachholbedarf bei Digitalisierungsthemen nach. Wo steht die Branche, wenn es darum geht, Daten zu nutzen? Und was sind die nächsten Herausforderungen?

Twesten: Es ist aus meiner Sicht erkennbar, dass Zukunftstechnologien auch in der Schifffahrt und der maritimen Branche immer stärker Einzug halten. Immer mehr Akteure erkennen den Wert ihrer Daten und sehen die Notwendigkeit, diese zu erheben und nutzbar zu machen. Klar ist: Wer seinen Datenschatz heben kann, verfügt im Wettbewerb über einen großen Vorteil. Software ist verfügbar, hardwareseitig ist Speicherplatz aktuell kein limitierender Faktor mehr. Allerdings nehmen die Datenmengen an Bord gerade noch einmal gewaltig zu, beispielsweise durch den verstärkten Einsatz von ROVs (Remotely Operated Vehicles) die 4K-Videos erzeugen.

Spannend ist in diesem Zusammenhang, wie sich die Satellitenkommunikation weiter entwickeln wird. Die Abdeckung der Ozeane ist teilweise noch sehr dünn, und die Verbindungen sind teuer. Ich gehe davon aus, dass die Datenverbindungen hier in absehbarer Zeit deutlich besser und erschwinglicher sein werden. Damit tun sich dann neue Möglichkeiten für die gesamte Schifffahrt auf. Es wird viel stärker als heute möglich sein, landseitig auf Forschungsdaten und Schiffssysteme zuzugreifen. Das wird sehr spannend.

MCN: Was macht die Mitgliedschaft im Maritimen Cluster Norddeutschland für Sie attraktiv?

Wie wahrscheinlich für die meisten Mitglieder ist für uns die Vernetzung innerhalb dieser heterogenen Branche besonders wertvoll. In den Fachgruppen, den interdisziplinären Diskussionen und Veranstaltungen, lernen wir viele unterschiedliche Perspektiven kennen. Wir erfahren eine Menge darüber, welche Zukunftsfragen die maritime Branche aktuell bewegen, welche Herausforderungen sie sieht und wohin die Märkte sich entwickeln. Andererseits bringen wir mit unseren Lösungen und unserem Blick durch die IT-Brille ebenfalls eine zusätzliche Sichtweise ein. Das ist für alle Seiten ein sehr fruchtbarer Prozess. Deswegen sind wir sehr gern dabei.

 

Über Tobias Twesten

Tobias Twesten (Jahrgang 1988) arbeitet seit sieben Jahren als Sales & Business Consultant bei der Lüneburger Werum Software & Systems AG. Er ist für Kunden aus verschiedenen Bereichen (u. a. Automotive, Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau) sowie für Forschungsinstitute und Reedereien im Bereich Forschungsschifffahrt zuständig. Vor seiner Zeit bei Werum absolvierte er ein duales Studium (Industriekaufmann und BWL) in der chemischen Industrie und erweiterte seine Kenntnisse danach mit einem Masterstudium an der Leuphana Universität Lüneburg.