01. März 2022

Fünf Fragen an ... Matthias Tietjen

Matthias Tietjen, SAACKE

© SAACKE / Matthias Tietjen

Matthias Tietjen aus der Geschäftsleitung des Bremer Unternehmens SAACKE verrät, warum er an die Zukunft der Verbrennungstechnik für Schiffsmotoren glaubt, wie mit dieser Klimaziele erreicht werden können und wie ein mittelständischer Zulieferer gegen die weltweite Konkurrenz besteht.
 

MCN: Herr Tietjen, als Automotor gilt der Verbrenner vielen schon als Auslaufmodell. Gilt dies auch für den maritimen Bereich?

Tietjen: Nein, definitiv nicht. Der Kolbenmotor mit Verbrennungstechnik wird in der maritimen Welt noch mindestens eine Schiffsgeneration (20 Jahre) führend sein werden. Er ist eine etablierte und vor allem außerordentlich zuverlässige Technologie – genau das also, was man auf dem Meer braucht. Ein Bulkcarrier beispielsweise, der zwischen Brasilien und China hin- und herfährt, um Erze zu transportieren, der braucht genau so eine verlässliche Technologie. Brennstoffzellen und Batterien werden auch kommen, die sehe ich aber eher im Hafenbetrieb oder auf küstennah operierenden Feederschiffen, nicht auf hoher See.

MCN: Nun müssen die Schiffsbetreiber ihre Treibhausgasemissionen aber immer weiter reduzieren. Ist „Netto Null“ mit Verbrennungstechnik ein realistisches Szenario, oder bleibt das eine Utopie?

Tietjen: Doch, das ist machbar. Es gibt eine Reihe großer Forschungsprojekte der namhaften Motorenhersteller, die ihre Motoren auf CO2-neutrale Brennstoffe umstellen wollen. Die sind schon sehr weit. Technisch ist das sicher möglich. Ich bin davon überzeugt, dass wir die heutigen, auf Schweröl basierenden Kraftstoffe zukünftig komplett ersetzen werden, beispielsweise durch Wasserstoff oder Ammoniak. Erdgas ist als Übergangslösung ein wichtiges Thema und auf neuen Kreuzfahrtschiffen heute schon Standard. Es gibt vielfältige Trends, und die Entwicklung geschieht mit hohem Tempo. Auch SAACKE arbeitet mit Partnern an unterschiedlichen, innovativen Lösungen. In jüngster Zeit haben wir beispielsweise den weltweit ersten Flüssigwasserstofftanker, die „Suiso Frontier“ mit Technik für einen sicheren Transport ausgerüstet.

MCN: Worum geht es in dem von Bund geförderten Forschungsprojekt SAARUS, zu dem sich acht Institutionen aus Industrie und Forschung unter Federführung von SAACKE zusammengeschlossen haben?

Tietjen: Dabei geht es um die weitere Optimierung der Abgasreinigung von Schiffen. Ziel ist es, die potenziell gesundheitsschädlichen Feinstaubemissionen maximal zu reduzieren. SAACKE steuert zu diesem Projekt das Herzstück bei: den Abgaswäscher, auch Scrubber genannt. Die Versuchsanlage mit Motor und Wäscher steht und es gab die ersten Testläufe. Jetzt folgen in Kürze die ersten Experimente. Ende des Jahres oder Anfang 2023 rechnen wir mit konkreten Ergebnissen.

MCN: SAACKE forscht, entwickelt und produziert in Bremen. Wie schafft ein deutscher, mittelständischer Zulieferer, sich gegen die globale Konkurrenz zu behaupten, zumal die meisten großen Werften heute in Asien angesiedelt sind?

Tietjen: Es wird tatsächlich immer schwieriger. Wir schaffen das in erster Linie, weil wir hoch motivierte Ingenieure haben und insgesamt ein sehr ingenieurlastiges Unternehmen sind. Aber unser Vorsprung hält nie lange, da in Asien gerne abgekupfert wird. Wir brauchen also ständig neue Innovationen, müssen immer unter den „Early Birds“ sein und uns permanent neu erfinden. SAACKE kommt dabei zugute, dass wir auch einen großen Geschäftsbereich für Industrieanlagen an Land haben. Dort kommen die Innovationen in der Regel früher an als im maritimen Bereich. Davon profitiert unser Geschäftsbereich Marine Systems: Wir sind oft schneller als die anderen. Wir arbeiten darüber hinaus viel mit Partnern zusammen. Allein können Mittelständler die Entwicklung heute in der Regel nicht mehr energisch genug vorantreiben.

MCN: Was motiviert SAACKE dazu, sich im Maritimen Cluster Norddeutschland zu engagieren?

Tietjen: Wir sehen als Zulieferer sehr deutlich die Notwendigkeit zur Vernetzung. Wir können als relativ kleines Unternehmen unmöglich alle Trends verfolgen. Das Maritime Cluster Norddeutschland bietet uns genau diese Vernetzung. Das erlaubt uns beispielsweise, früher und besser zu erkennen, wohin die Märkte sich entwickeln. Dabei schätzen wir die branchenübergreifende Perspektive des Clusters besonders. Wir sind daher froh und dankbar, dass wir hier mitwirken können.

 

Über Matthias Tietjen

Matthias Tietjen (51) ist als Mitglied der Geschäftsleitung gesamtverantwortlich für die Leitung der weltweit operierenden Business Unit SAACKE Marine Systems innerhalb der auf Feuerungstechnik spezialisierten SAACKE Gruppe. Nach dem Studium der Energiesystemtechnik war er einige Jahre im Forschungs- und Entwicklungsbereich tätig, bevor er in die Projektierung von Contracting-Anlagen bei einem mitteldeutschen Energieversorger wechselte. Vor seiner Tätigkeit in der SAACKE Geschäftsleitung war Matthias Tietjen 16 Jahre im Geschäftsbereich Marine Systems in führender Position tätig und maßgeblich verantwortlich für den Aufbau der weltweiten After Sales Organisation.