25. April 2019

Fünf Fragen an ... Dr. Dietrich Wittekind

Dr. Dietrich Wittekind, DW-ShipConsult

Bildrechte: DW-ShipConsult

Wie man die Entstehung und Ausbreitung von Lärm auf Schiffen wirksam begrenzt, ist Thema von Dr. Dietrich Wittekind, der mit seiner im schleswig-holsteinischen Schwentinental ansässigen Firma DW-ShipConsult Werften und andere Kunden weltweit berät.

MCN: Herr Dr. Wittekind, Ihr Unternehmen DW-ShipConsult beschäftigt sich mit einem Gegenstand, der zunächst vielleicht exotisch klingt, tatsächlich aber allgegenwärtig ist: Lärm. Welche Relevanz besitzt das Thema in der Schifffahrt?

Wittekind: Lärm generell, vor allem aber die Lärmbelastung von Schiffsbesatzungen, besitzt einen ganz hohen Stellenwert. Das hat auch die Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO erkannt, die seit 2014 für Schiffe Schallpegelobergrenzen verbindlich vorschreibt. Die Belastung durch dauerhaften Lärm und permanente Vibrationen auf Schiffen war bis dahin für die Menschen an Bord teilweise unzumutbar, wirklich schrecklich. Das ist seit 2014 deutlich besser geworden. Die IMO hatte erkannt, dass Lärm die Seeleute nicht nur gesundheitlich kaputt machen kann – bis hin zum Ertauben – sondern auch ein echtes Sicherheitsthema ist. Menschen, die unter permanentem Lärm leiden, ermüden früher, sie machen Fehler und es passieren Unfälle. Dass die IMO dieses Thema sehr ernst nimmt, spiegelt sich auch darin wider, dass der so genannte Code on Noise on Board unter die Safety of Life at Sea SOLAS-Bestimmungen fällt.

MCN: Wie können Sie als beratendes Unternehmen Ihren Kunden helfen, Ihre Schiffe leiser zu machen?

Wittekind: Wir unterscheiden zwischen Primär- und Sekundärmaßnahmen. Primär bedeutet, dass wir die Schallquellen unmittelbar leiser machen. Da geht es zum Beispiel um Propeller, Antriebsmaschinen, Dieselgeneratoren und andere Anlagen wie Luft- und Kälteverdichter oder Pumpen. Das sind an Bord die Hauptgeräuscherzeuger. Mit unserer Expertise beraten wir unsere Kunden – das sind in der Regel die Werften – welchen Schallpegel sie maximal zulassen dürfen. Daraus ergeben sich dann ganz konkrete Vorgaben an deren Zulieferer. Wir berechnen darüber hinaus auch die Schallausbreitung und empfehlen konkrete Maßnahmen, wie sich das Fortpflanzen des Schalls im Schiff vermeiden oder zumindest reduzieren lässt. Das sind dann die so genannten Sekundärmaßnahmen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei allen anspruchsvollen Schiffen stehen die Maschinen grundsätzlich auf Federn. Bei der Installation einer elastischen Lagerung kann man aber vieles verkehrt machen. Damit das nicht passiert, sind wir da. Die meisten Mitarbeiter von DW-ShipConsult haben neben der Akustik ja einen Hintergrund im Schiffbau. Wir besitzen also die Expertise. Und, was auch wichtig ist: Wir sprechen die Sprache der Werften.

MCN: Sie beraten vornehmlich Werften, die große Frachter und Tanker bauen. Wo kommt Ihre Expertise noch zum Tragen?

Wittekind: Zum Beispiel im Marineschiffbau. Dort ist der Unterwasserschall ein wichtiges Thema und der so genannte Eigenstörpegel. Die Horchanlagen dürfen keinesfalls durch den eigenen Lärm gestört werden. Unterwasserschall spielt aber auch im Umwelt- und Naturschutz eine große Rolle. Wir unterstützen beispielsweise das Umweltbundesamt mit Berechnungen und Studien zur akustischen Belastung der antarktischen Gewässer.
Zu unseren Kunden zählen auch auf den Yachtbau spezialisierte Werften. Auf luxuriösen Mega-Yachten sind die Anforderungen an den Lärmschutz an Bord natürlich noch einmal sehr viel höher als in der Handelsschifffahrt. Außerdem beraten wir viele Zulieferer, wie etwa die Hersteller von Propulsionsanlagen oder Propellern.

MCN: Neben der Akustik ist die Hydrodynamik ein weiteres Geschäftsfeld von Ihnen. Worum geht es da?

Wittekind: Da geht es im Wesentlichen um schnelle Schiffe, also Gleiter und Halbgleiter. Wir haben eine Rumpfform entwickelt, die wir für überlegen halten. Mit diesen Rümpfen verbrauchen wir typischerweise 30 Prozent weniger Kraftstoff als mit vergleichbaren traditionellen Typen. Das ist eine Menge. Für eine deutsche Werft haben wir gerade ein kleines, schnelles Vermessungsboot entwickelt, das dank unserer innovativen Rumpfform nun mit deutlich weniger Antriebsleistung auskommt als ursprünglich veranschlagt. Dadurch konnte bei diesen Booten auf eine Abgasnachbehandlung verzichtet werden, was ebenfalls einen deutlichen Kostenvorteil bedeutet.

MCN: Welchen Nutzen versprechen Sie sich von Ihrer Mitgliedschaft im Maritimen Cluster Norddeutschland?

Wittekind: Für uns ist in erster Linie die Anbindung an den Informationsfluss in der maritimen Branche wichtig. Und wir erkennen immer wieder interessante Überschneidungen mit anderen Unternehmen, auf die wir ohne das Cluster wahrscheinlich nicht aufmerksam geworden wären. Teilweise kommen über das Cluster auch konkrete Hinweise auf andere Unternehmen, die einen Bedarf haben, den wir vielleicht befriedigen können. Das sind dann echte Win-Win-Situationen.

 

Über Dr. Dietrich Wittekind

Dr.-Ing. Dietrich Wittekind war 20 Jahre auf Werften des Spezialschiffbaus tätig, davon 14 in leitenden Positionen der Konstruktion und Akustik. Von 2001 bis 2004 war Dr. Wittekind Leiter der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA). 2004 gründete er die DW-ShipConsult GmbH. Dr. Wittekind ist Lehrbeauftragter für Schiffsakustik an der TUHH und Mitglied der Schiffbautechnischen Gesellschaft. Dort ist er Mitglied im Fachausschuss Schiffshydrodynamik.

www.dw-sc.de