13. Juni 2022

Zweite maritime Transfertour „AFSTEKEN!“ brachte überraschende Einblicke und neue Projektansätze

Noch wissen sie nicht, was sie erwartet. 15 Teilnehmer:innen werden heute erfahren, warum manche Schiffsleuchten wenig Licht ausstrahlen, wie man Warentransporte auf dem Seeweg überwacht, was Sambamusik mit einer Feuerungsanlage zu tun hat und wie ein spezielles Foliensystem die Antifoulinglösung der Zukunft sein kann.

„AFSTEKEN!“ heißt die Tour. Das bedeutet in diesem Fall so viel wie: zu unbekannten Ufern aufbrechen. Die Teilnehmer:innen haben sich angemeldet ohne zu wissen, wohin es geht und wen sie treffen werden. Zum zweiten Mal hat das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN) zu diesem Format eingeladen. Die erste Tour führte im vergangenen Jahr durch Bremerhaven. Heute ist Bremen dran.

Deshalb stehen die Teilnehmer:innen an diesem 10. Juni um 10 Uhr morgens in der großen, hellen Halle des Bremer Instituts für Produktion und Logistik (BIBA) und kommen bei Kaffee und Canapés ins Gespräch. Darum geht es auch, erklärt Andreas Born, Leiter der Bremer Geschäftsstelle des MCN. „Es sollen Gespräche entstehen, Ideen, Ansätze“, sagt er bei der Begrüßung. Durch den Tag und die Tour führen Manuela Weichenrieder und Anja Rose vom Klub Dialog.

Los geht es direkt im BIBA. Stefan Wiesner, Leiter in der IKAP-Abteilung Collaborative Business in Unternehmensnetzwerken, stellt das Forschungsinstitut vor, das unabhängig, aber eng verzahnt mit der Universität Bremen ist. Anschließend präsentiert Stephan Oelker, Leiter in der IPS-Abteilung Systemgestaltung und Planung, ein System für simulationsbasierte Planung. Es kann in der Logistik helfen, Leerfahrten zu vermeiden und Fahrzeuge zu orten was zu erheblichen Zeiteinsparungen beiträgt. Michael Teucke, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der IPS-Abteilung Systemgestaltung und Planung, präsentiert einen kleinen Sensor, mit dem Waren auf dem Transportweg überwacht werden können. Auf diese Weise lassen sich Transportschäden noch vor der Ankunft erfassen.

„Unsere Leidenschaft ist das Licht“, sagt Doris Haas, Managing Director von LightPartner. Das Unternehmen stellt Lichtlösungen für Schiffe her, vom Schlepper bis zum Kreuzfahrtriesen. Während es auf den Kreuzfahrtschiffen bunt und vielfältig leuchten muss, braucht die Marine auch Licht, das man so wenig wie möglich sieht. Fachbegriff: „Verratsreichweite“. Das bestimmte Lichtquellen sogar die mikrobielle Belastung in einem Raum verringern und somit einen Beitrag zur Bekämpfung von (Corona-)Viren leisten können, stößt in der Gruppe auf besonderes Interesse.

Christoph Petzoldt, Leiter in der IPS-Abteilung Robotik und Automatisierung, trägt den Gegenstand seines Vortrags selbst. Er hat ein Exoskelett angelegt und demonstriert, wie dieses die Ergonomie verbessern kann. Das Exoskelett ist für die Ergonomie wie der Turnschuh für den Sportler, erklärt er: wichtig, aber nicht alles. „Ziel ist eine ganzheitliche Ergonomie“, sagt er, bei dem ein Arbeitsplatz zum Beispiel optimal auf den Mitarbeiter abgestimmt ist.

Nach jedem Vortrag sammeln Manuela Weichenrieder und Anja Rose Wörter, die die Teilnehmer:innen inspirierend – weil wenig gebräuchlich – fanden. „Verratsreichweite“ gehört dazu, ebenso wie „Autoregal“ und „Exoskelett“. Außerdem sorgen sie dafür, dass alle pünktlich in den Bus steigen, der vor der Tür bereitsteht. Ziel? Natürlich unbekannt – bis der Bus auf das Firmengelände von SAACKE einbiegt.

Das Unternehmen stellt Feuerungsanlagen her, aber bevor es darum geht, gibt es Mittagessen. „Wo Feuer ist, muss gegrillt werden“, sagt Carlo Brandt, Regional Sales Manager von SAACKE. Event-Koch Markus Breitling serviert neben Fleisch und Salaten auch vegane Mandelküchlein. Später wird es das Wort „lecker“ auf die Wortliste des Tages schaffen.

Nach dem Essen teilt sich die Gruppe. Die eine Hälfte lernt SAACKE kennen, die andere steigt wieder in den Bus. Allerdings erst, nachdem Manuela Weichenrieder auf der Ukulele den 80er-Jahre-Hit „Road to Nowhere“ angestimmt hat. Das Ziel verraten sie aber doch: GTF Freese. Chief Operating Officer Björn Sellschopp sitzt bereits mit im Bus und nutzt die Zeit für eine kurze Geschichte des Wortes Afsteken.

Das Foyer der Firmenzentrale ist hoch und lichtdurchflutet, aber Björn Sellschopp lenkt den Blick der Teilnehmer:innen nach unten, auf den Fußboden. „Worauf wir hier sitzen, das ist eines unserer Produkte“, sagt er. GTF Freese stellt vor allem Schiffsdecksbeläge her. Und das so vielfältig wie möglich: von edlen Böden für Yachten bis hin zu extrem robusten für Hubschrauberlandedecks. „Wir verlegen weltweit mehr als 700.000 Quadratmeter Schiffsdecksbeläge pro Jahr“, sagt Sellschopp und erklärt, wie die Beläge gleichzeitig leicht und widerstandsfähig werden. Besonders spannend waren Einblicke in ein aktuelles Entwicklungsprojekt einer Antifoulinglösung für Schiffe auf der Basis eines extrem widerstandsfähigen Foliensystems.

Bei SAACKE berichtet Dennis Lühr unterdessen kurzweilig aus der langen Unternehmensgeschichte. Lühr ist Sales Manager Customer Service Solutions und steckt voller Anekdoten darüber, welche Wünsche Kunden haben, bevor er das firmeneigene Testcenter zeigt. Hier stehen mannshohe Kessel und – ganz neu – ein Brenner, der Erdgas und Wasserstoff fahren kann, ohne umgebaut zu werden.

Lühr führt in die „Kunst des Flammendesigns“ ein, denn wie stabil und lang eine Flamme brennt, ist entscheidend für viele Anlagen. Bettina van der Velde, vorgestellt als „Königin des Feuers“, demonstriert das an einem spielerischen Beispiel. Aus einem Rohr mit vielen Löchern schießen kleine Gasflammen. Als sie den angeschlossenen Lautsprecher zuschaltet, beginnen die Flammen zu zucken und bilden die Frequenz der Musik ab. „Samba de Janeiro“ schallt durch die Werkstatt, die Flammen tanzen, die Zuschauer:innen sind begeistert.

Am Morgen hatte Andreas Born gesagt: „Wenn Sie gute Gespräche führen, dann haben wir erreicht, was wir wollen.“ Dieser Wunsch hat sich erfüllt. Bei der Abschlussrunde folgt Lob auf Lob: „Ich finde das Format sensationell“, „Ich freue mich über das Netzwerken“, „Eines der beruflichen Highlights in diesem Jahr“. Einige wissen jetzt schon, dass sie beim nächsten Mal wieder dabei sein werden. Zum Abschied gibt es Fassbrause und alkoholfreies Bier von der Union-Brauerei und Bonbons von der Bonbon Manufaktur, alles aus Bremen.

 

© Fotos: MCN e. V. / Friederike Lübke